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Workshop mit David Pace

David Pace hat eine interessante Geschichte (vgl. die Quelle): Als Historiker hatte er sich auf die neuere französische Geschichte spezialisiert, und dafür eine Reihe von Kursen für seine Studierenden entwickelt. Dabei stellte er fest, dass es für die Studierenden bestimmte Hürden gab, insbesondere dabei, sich in die Arbeitsweise von Historikern hineinzufinden. Als sich dann in der Mitte der 90er Jahre in den USA das neue akademische Arbeitsfeld "Scholarship of Teaching and Learning" (SoTL) entwickelte, war das für ihn die Möglichkeit, zusammen mit Kollegen wissenschaftlich näher zu untersuchen, wie Studierende lernen.

Unter SoTL versteht man (fachdidaktische) Forschung über das Lernen der Studierenden und das Lehren der ProfessorInnen von Fachwissenschaftlern. Diese tun das in der gleichen Professionalität, in der sie ihre fachliche Forschung betreiben. Wichtige dabei entstandene Methoden sind z.B. Peer Instruction und Just-In-Time Teaching. Als Forschungsergebnisse aus SoTL sind u.a. die Concept Inventories zu nennen, die in MINT-Fächern als Testverfahren für die Verbreitung sog. Fehlkonzepte (Misconceptions) einerseits, und als Meßgröße für den Lernerfolg von Studierenden bezüglich der Hinwendung zu den "richtigen" Konzepten andererseits, also in Sachen Verständnis, dienen. Bei uns am DiZ können ProfessorInnen aus bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften SoTL ganz offiziell im Rahmen eines Forschungssemesters zusammen mit dem DiZ realisieren. Aber zurück zu David Pace:

LampenschaltungSeit 1998 ist David Pace Co-Director des Freshman Learning Project. Dieses Programm der Indiana University in Bloomington, USA, ist dazu gedacht, insbesondere in den großen Einführungsveranstaltungen für die Erstsemester den Studierenden dabei zu helfen, die "Bottlenecks" beim fachdisziplinären Lernen zu überwinden. Pace unterscheidet zwei Arten von Bottlenecks. Das eine sind fachlich begründete Verständnisschwierigkeiten, wie sie aus den technischen Fächern bekannt sind. Ein Beispiel dafür ist nebenstehende Schaltung mit zwei in Reihe geschalteten Glühlampen. Fragt man Studierende danach, wie die (identischen) Glühlampen 1 und 2 bei geschlossenem Schalter A leuchten, und gibt mehrere mögliche Antworten [a) 1 heller als 2, b) beide gleich hell, c) 2 heller als 1, d) weiß nicht] vor, werden einige Studierende auch die physikalisch falschen Antworten a) oder c) wählen, und auch schlüssige Begründungen für die Wahl der Antwort abgeben - ggf. sogar, obwohl sie Strom, Widerstand, Spannungen richtig zu berechnen in der Lage sind.

Die zweite Art der Bottlenecks entsteht bei den Studierenden nach Pace deswegen, weil für die Lehrenden in den jeweiligen Fächern bestimmte Herangehensweisen an die Materie so selbstverständlich sind, dass sie darüber gar nicht mehr nachdenken, und sie deswegen in keiner Weise in die Lehre einbeziehen. Ein Beispiel hierfür ist das vermutlich jeder/jedem Lehrenden bekannte Phänomen, dass eher schwächliche Ergebnisse kommen, wenn wir Studierenden in unteren Semestern die Aufgabe geben: "Bitte lesen Sie ...".

Überlegen Sie sich für Ihre Fachlichkeit doch einfach einmal selber, was Sie, liebe Lesende, darunter verstehen, wenn Sie einen Fachtext "lesen"! Ist das nicht ein ganzes Konglomerat verschiedener Aktivitäten, in denen Sie etwas tun, aufschreiben, aufzeichnen, entscheiden, einordnen, in Verbindung setzen usw. - ganz zu schweigen davon den fachlichen Querverbindungen in andere Bereiche, die man möglicherweise zum Verstehen des "Lesestoffs" mitbringen muss - was man als Erstsemester nicht kann - und was Sie als Lehrende gar nicht kommunizieren: "Lesen Sie..."? Deswegen "Flaschenhals" - zu Anfang sind da die Korken vielleicht auch noch drin...

Aus den Erkenntnissen des Freshman Learning Projekts und diversen Detailforschungen ist vor inzwischen 11 Jahren ein Buch entstanden: "Decoding the Disciplines: Helping Students Learn Disciplinary Ways of Thinking". Darin ist beschrieben, dass jedes Arbeitsfeld seine spezifischen Herangehensweisen hat, das mögen in den Wirtschaftsfächern andere als im Bereich MINT sein, und in der sozialen Arbeit, in Geisteswissenschaften usw. ist es wieder anders. Gemeinsam ist all diesen Wissenschaften, dass die Lehrenden ein Gefühl dafür entwickeln müssen, wo die Spezifitäten liegen, und dass sie diese Spezifitäten über geeignete Lehrmethoden und Erklärungen den Studierenden in den von denen zu erarbeitenden Erfahrungsschatz mit hineingeben müssen.

Die Forschung an den Hochschulen in Deutschland berücksichtigt zu wenig, dass professionelles Lehren nicht nur aus der direkten Fachlichkeit gespeist werden kann, sondern auch die disziplinären Eigenheiten des Faches bezüglich der darin üblichen Arbeitsweisen enthalten muss. Überhaupt werden Forschen und Lehren hierzulande nur wenig miteinander verbunden. Fachliche Probleme lösen bei Professoren - häufig ganz automatisch - einen Forschungsansatz aus, ein Problem in der Lehre ist aber eher unerwünscht. Der Trend zu SoTL mündet direkt in die Fachdidaktiken, denn niemand kann diese besser entwickeln als die Forscher der jeweiligen Fächer. In den USA ist das schon lange Kultur. Eric Mazur (Harvard) oder der Nobelpreisträger Carl Wieman (University of British Columbia) machen uns das vor - nicht zuletzt benutzen wir deren Erkenntnisse aus ihren Projekten zu Scholarship of Teaching and Learning im HD-MINT-Projekt ganz intensiv. Es wäre eine lohnende Aufgabe, solche Forschungsprojekte auch bei uns in Deutschland zu fördern und Belohnungen für die hier zu leistende Forschungsarbeit wie für andere Forschungsbereiche auch zu schaffen. In den USA haben sich große Stiftungen dieser Thematik angenommen, als Beispiel wäre die "Carnegie Academy for the Scholarship of Teaching and Learning in Higher Education" (CASTL) zu nennen. Auch eine internationale Vereinigung (International Society for the Scholarship of Teaching and Learning) existiert. Insofern möchte ich Sie alle auffordern: Bitte wirken Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten mit, die versteckten Curricula - s.o.: "lesen Sie..." - sichtbar zu machen, und damit Ihre Disziplin(en) zu decodieren!

Für mich (Franz Waldherr) war dieser Workshop ein absoluter Lichtblick. Ich nehme daraus die Idee mit, dass wir auch in anderen als den MINT-Fächern so etwas wie spezifische, fachgebundene Verständnisschwierigkeiten finden, dass wir aber auch in unserer schon laufenden intensiven Arbeit in den MINT-Fächern die zweite Kategorie der Bottlenecks, die Beschreibung der von den Lehrenden längst internalisierten Arbeitsweisen, noch stärker anpacken müssen. Es gibt also noch viel zu tun. Aber ich habe auch den Eindruck, es tun sich dadurch enorme Möglichkeiten auf - und zwar für alle Fächer. Die bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften könnten hier ihren Didaktikvorsprung gegenüber anderen Hochschularten noch einmal ausbauen, und es den Studierenden auf dem Weg zum Beruf leichter machen.